Luis Filippo

TAZ Veröffentlichug

 
TAZ FOTO VERÖFFENTLICHUNG 8.7.2017

Die Schönheit von Gallin

AUS DER TAZ 8.7.2017

Wie regiert man ein Dorf, wenn man nicht mal Geld für Sprit hat? Ein Besuch beim ärmsten Bürgermeister Deutschlands. 

VON TIMO NICOLAS(TEXT) UND LUIS FILIPPO WELZ (FOTOS)

Der Bürgermeister müsste eigentlich den Zug ­nehmen. Doch der fährt nie. Unkraut wuchert aus den Fugen des gepflasterten Bahnsteigs. Die Verbindung ins Dorf wurde vor zwei Jahren gekappt. Dabei hatte die Bahn kurz zuvor noch einen neuen Übergang gebaut. Die Schranken grüßen nun, für immer senkrecht, Besucher und Bewohner am Ortseingang von Gallin.

Holger Klukas könnte mit dem Bus fahren. Doch der fuhr schon um 7.50 Uhr. Und der nächste, der letzte, kommt erst um 15.28 Uhr. Deshalb steigt er in den alten, grünen Renault, den er geschenkt bekommen hat, dreht den Zündschlüssel und fährt mit fast leerem Tank die einzige Straße im Dorf Richtung Süden. Er muss in die Stadt, aber Sprit ist teuer, und Klukas ist arm. Eine Tankfüllung kostet fast ein Zehntel seines Hartz-IV-Satzes. Doch ohne Auto ist man hier nutzlos, ein Niemand. Und Klukas kann es sich nicht leisten, nutzlos zu sein. Denn er ist der Chef von Gallin-Kuppentin: 5 Dörfer, 472 Einwohner. Er ist der vielleicht ärmste Bürgermeister Deutschlands. 

Die Gemeinde Gallin-Kuppentin liegt zwischen den Dörfern Rom, Goldberg und Benzin an der Mecklenburgischen Seenplatte. Hoch in der Luft zieht der Rote Milan seine Kreise über den Wiesen, mit scharfem Blick auf der Suche nach Feldmäusen. Unten grasen gehörnte Schafe und gefleckte Kühe. Ein Idyll ist es, aber eines mit unausgeglichenem Haushalt und Schulden.

Als Klukas 2006 zum Bürgermeister gewählt wird, ist der Kindergarten schon geschlossen und die Schule wird bald folgen. Verfallen und verwunschen liegt sie heute neben dem Gemeindehaus von Gallin, Klukas’ Amtssitz. Stetig gewinnt das Grün der Natur hier wieder die Oberhand, bahnt sich seinen Weg entlang der Risse im Mauerwerk und schießt im Innenhof aus dem Boden. Klukas würde die Schule gerne verkaufen, findet aber keinen Käufer. Versteigern ist zu gefährlich, er befürchtet, dass Rechte den Zuschlag bekommen könnten und in den Räumen ihre Versammlungen abhalten.

Arbeitslos? Nein, dachte er einst, dafür sei er doch zu gut ausgebildet. In Magdeburg zu DDR-Zeiten ein Ingenieurstudium, nahe Gallin angestellt bei einem Möbelbauer, der in Massen Schranksysteme fertigt. So wie Ikea. Nur eben nicht so erfolgreich. Als 1999 klar wird, dass die Firma in Konkurs geht, hat Klukas einen Schlaganfall. Mit 45. „Ich dachte: Heute bist du arbeitslos und morgen tot.“ Der Kredit für sein Haus, drei Kinder und eine Frau, die auch ihren Job verloren hat. Er muss sich zusammenreißen, kommt wieder auf die Beine, schleppt sich zu Umschulungen, über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hin zu 1-Euro-Jobs. Doch nichts bleibt. Die Reformen der Regierung Schröder treffen ihn mit vollen Wucht. Er ist nicht vermittelbar, ein Langzeitarbeitsloser, einer, den die Gesellschaft nicht respektiert, nicht braucht.

Klukas zieht manchmal sein rechtes Bein nach. Eine Gallenblase hat er nicht mehr. Die Schilddrüse fehlt auch. Deshalb hat er aufgehört zu trinken, was sich für einen Bürgermeister eigentlich nicht schickt. Ein korpulenter Nordmann, ruppig im Ton, herzlich im Umgang. Im Renault die Finger am Fensterschieber, immer bereit zu einem Spruch, wenn ein Mitbürger in Rufweite ist, immer per Du: „Na, hast’nen Fisch für mich mitgefangen?“, „Die Damen, auf dem Weg zum Baden?“, „Deine Kühe, Jan, so schön wie immer“. Und wenn ein Ast auf der Straße liegt, hält er an und wirft ihn in den Graben. Bürgermeister sein, das kann er gut.